Botanik des Wahnsinns

Leon Engler liest im Stadtkino Hallein aus seiner "Botanik des Wahnsinns" im Rahmen einer Diplomarbeitspräsentation von Julia Schinagl und Marlene Klampfer

Was ist schon „normal“?

Psychische Störungen zählen weltweit zu den häufigsten Krankheiten und sind in allen Gesellschaften präsent – unabhängig von Einkommen, Alter und sozialer Zugehörigkeit. Doch was ist eigentlich „normal“, was ist „verrückt“ und wie beeinflussen psychische Beeinträchtigungen unsere Wahrnehmung? Diese Fragen stellten sich Marlene Klampfer und Julia Schinagl in ihrer Diplomarbeit und unternahmen den spannenden Versuch, psychische Beeinträchtigungen in Mode abzubilden. Sie zeigen, welches Potenzial darin stecken kann und gestalten kreative Abschlusskollektionen, die gesellschaftlicher Stigmatisierung hinterfragen.

Im Anschluss an die Präsentation ihrer Prototypen und die Ausführungen der Maturantinnen zur Problemstellung ihrer Diplomarbeit las der Autor und Psychologe Leon Engler aus seinem Roman „Botanik des Wahnsinns“. Für die Lesung brachte Leon Engler einen Synthesizer mit, dessen Klänge er zwischen den Textpassagen einsetzte. Die musikalischen Einschübe dienten als ruhige Übergänge zwischen den Kapiteln und gaben seinem Vortrag einen besonderen Reiz.

Leon Engler eröffnet in seinem Roman einen neuen Blick auf die Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden. Sein Ich-Erzähler nähert sich seiner Familiengeschichte an, die geprägt ist von psychischen Krankheiten: eine alkoholkranke Mutter, ein depressiver Vater, eine bipolare Großmutter, der Großvater Dauerpatient in Steinhof. Wie schafft man es, mit diesem Hintergrund nicht selbst verrückt zu werden, zumal viele psychische Krankheiten als erblich gelten? Der Ich-Erzähler landet schließlich ebenfalls in der Psychiatrie, allerdings nicht als Patient, sondern als Psychologe.  

Die literarische Perspektive von Leon Engler ist eng mit seiner praktischen Arbeit in der Psychiatrie verbunden – viele Stellen in seinem Roman spiegeln diese Erfahrungen auch wider. Seine Lesung zeigte auf berührende und oft humorvolle Weise, wie Herkunft, Generationen und gesellschaftliche Vorstellungen unser Denken und Fühlen beeinflussen.